Eine Veloroute, die ans Herz geht
Mit 13 Etappen vom Genfer- bis zum Bodensee führt die «Herzroute» mitten durch die voralpine Schweiz. Beliebt ist sie vor allem bei E-Bike-Fahrer:innen, die fernab aller Hektik in Kultur und Landschaft eintauchen möchten. Zum Beispiel auf der 2025 eröffneten Herzschlaufe Wil.
Text: Olivia Meier

Simon Brülisauer, Geschäftsführer der Herzroute AG, hat eine enge Verbindung zu E-Bikes. Viele Jahre war er als Marketingleiter für den E-Bike-Hersteller Flyer tätig, ehe er 2014 zur Herzroute stiess. Bevor das E-Bike zum Höhenflug ansetzte, hatte es mit einem schlechten Image zu kämpfen. «Alte, faule und kranke Menschen fahren E-Bike», lautete der Tenor.
Um Skeptiker:innen vom Gegenteil zu überzeugen, wählte Brülisauer eine clevere Lösung: ausprobieren lassen. «Unser Marketingansatz lautete 30-30», erzählt Brülisauer. «30 Sekunden selbst fahren überzeugt mehr, als sich von jemandem 30 Minuten lang die Vorteile erklären zu lassen.» Weil Ausprobieren in attraktiver Umgebung am meisten Spass macht, entstand früh eine Partnerschaft mit der Herzroute, die aufgrund der anspruchsvollen Streckenführung prädestiniert für E-Bikes ist. Denn die Herzroute wählte nicht die direkteste, aber dafür die schönste Linie durch die Schweiz.

Wir möchten dort Routen entwickeln, wo der Gast sie im ersten Moment gar nicht erwarten würde.
Simon Brülisauer, Geschäftsführer Herzroute AG
«Unsere Strecken-Erfolgsformel: Verkehrsarme Nebenstrassen gespickt mit Panoramalagen in unbekannten Landschaften, gepaart mit lokaler Kultur und historischen Ortskernen», so Brülisauer. Damit aus einem beschilderten Veloweg ein echtes Erlebnis wird, kümmert sich das Herzroute-Team nicht nur um die Streckenentwicklung mit dazugehörender Koordination zwischen Kantonen, Gemeinden und Grundeigentümern, sondern arbeitet auch eng mit touristischen Partnern vor Ort zusammen. Ein aufwändiger Prozess.
Herzschlaufe in der Ostschweiz
Zuletzt entstand aus einem solchen Prozess die Herzschlaufe Wil mit der besonderen Nummer 999. Zwei Tagesetappen mit 95 Kilometer Gesamtstrecke führen durch drei Kantone, das «Nonplusultra für Ostschweiz-Entdecker». Am besten geniesst man die Herzschlaufe Wil als Mehrtagestour: Von Wil über Fischingen nach Rikon (Tag 1) und via Elgg zurück nach Wil (Tag 2).
Simon Brülisauer hat die Strecke bereits in der Startphase des Projekts getestet und wurde prompt überrascht: «Aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit und meiner Hobbies kenne ich die Schweiz sehr gut. Aber auf der Herzschlaufe Wil tauchte ich zwei Tage lang in einen mir völlig unbekannten Landschaftsraum ein – und war einmal mehr begeistert vom Ansatz unseres Streckenentwicklers Paul Hasler.»
Das ist die Herzroute
720 Kilometer, 12‘000 Höhenmeter, 13 Tagesetappen. Die Herzroute erstreckt sich von Lausanne bis Romanshorn und bringt Veloreisende zu den schönsten Ecken der Schweiz. Sieben Herzschlaufen ergänzen die Herzroute mit Ausflügen in besonders schöne Landschaftsräume.
Das Unerwartete gehört zum Erfolgsrezept der Herzroute: «Wir möchten dort Routen entwickeln, wo der Gast sie im ersten Moment gar nicht erwarten würde», erklärt Simon Brülisauer. «Die Herzroute und ihre Schlaufen bietet deshalb nicht nur etwas für externe Gäste, auch Einheimische können oftmals auf unseren Routen ihre Region nochmal ganz neu kennenlernen.»
Verändertes Anreiseverhalten
Ein Grossteil der Gäste reist jedoch von etwas weiter her zu Etappen und Schlaufen der Herzroute. «Wir haben inzwischen ‹Herzroute-Fans› in der ganzen Schweiz, die jeweils schon fast ungeduldig auf neue Streckenkreationen warten und diese sofort ausprobieren.» Viele Gäste reisen mittlerweile mit dem eigenen E-Bike an. Das hat Auswirkungen auf das Mietangebot vor Ort. Der Grundsatz, an jedem Etappenort eine Vermietstation, fällt diesem Trend zum Opfer.
Der E-Bike-Boom der letzten Jahre ist auch bei der Herzroute spürbar. «Die Anfragen zur Anreise mit dem eigenen E-Bike – unter anderem mit dem öffentlichen Verkehr – nehmen zu», so Brülisauer. (Tipps für Zugreisen siehe Infobox) Bei zahlreichen Etappen ist es aber nach wie vor möglich, entspannt mit dem öV anzureisen, vor Ort ein E-Bike zu mieten und dieses am Zielort wieder abzugeben.
Die Zukunft der Herzroute
Eine Herausforderung für die Zukunft bleibt laut Simon Brülisauer die Finanzierung. Denn dass die Herzroute so erfolgreich ist, ist oft Segen und Fluch zugleich: «Je mehr Leute die Herzroute besuchen, desto grösser ist vorgelagert unser Informations- und Administrationsaufwand. Dieser wird aber nicht von den Gästen abgegolten, da wir wie ein Tourismusbüro funktionieren. Zudem kommt der Umsatzfranken entlang unserer Strecken nicht bei der Herzroute AG vorbei.» Simon Brülisauer sucht deshalb neben der Flyer AG nach weiteren passenden Partnern für die Herzroute.
Was kommt als Nächstes? Die Herzroute soll durch eine geschärfte Positionierung auch internationale Bekanntheit erlangen und Brülisauer und sein Team tüfteln bereits an einem neuen Streckenangebot: «Allzu viel kann ich noch nicht verraten, wir sind aktuell aber etwas häufiger im Dreieck Zofingen, Willisau und Zug unterwegs», verrät er schmunzelnd. Die Herzroute- Fans wird es freuen.



