Neue Thurbo Serviceanlage: Wo Züge Pause machen
Seit einigen Monaten ist die modernisierte Thurbo Serviceanlage wieder in Betrieb. Hier bringen Instandhaltungsspezialist:innen der SBB im Auftrag von Thurbo deren Züge wieder auf Vordermann.
Text: Timon Kobelt

«Ist dieser Schraubenschlüssel nicht viel zu gross für dich», ruft René Rusch seinem Kollegen David Kristo zu. «Pass auf, sonst komm ich hoch», ruft dieser lachend zurück. Mit hoch meint er das Dach eines Gelenktriebwagens (GTW) von Thurbo, auf dem René Rusch gerade arbeitet. Es ist Anfang August 2025. Wir befinden uns in der ersten Woche nach Inbetriebnahme der neuen Thurbo Serviceanlage (SA) in Weinfelden. Angestellt ist René Rusch beim Regionalfahrzeug Instandhaltungscenter Ostschweiz (RICO), eine Organisationseinheit der SBB, welche die Instandhaltung an den GTW im Auftrag von Thurbo ausführt.



René Rusch ist Instandhaltungsspezialist bei der SBB und kennt die Thurbo Züge von allen Seiten.
Auf dem Dach des GTW blinzelt uns das Licht der Hallendecke entgegen. Das üppig verbaute Holz strahlt Wärme und Freundlichkeit aus. «Ein wirklich schöner Holzbau», findet René Rusch, «die Arbeitsatmosphäre ist sehr angenehm und auch im Sommer entsteht keine Bullenhitze.» Insgesamt wurden in der SA über 400 Kubikmeter Holz verbaut, womit ein durchschnittliches Einfamilienhaus rund 90 Jahre beheizt werden könnte. Holzbauten sind nicht nur schön anzusehen, sondern auch nachhaltig, da der Energiebedarf gering ist. Dieser wird teilweise durch die 866 PV-Module auf dem Dach und an der Fassade gedeckt, welche knapp 400 Megawattstunden Strom pro Jahr produzieren. Thurbo hat 18.4 Millionen Franken in die Modernisierung der SA investiert.
Schwere versus leichte Instandhaltung
In der Halle stehen überall Holzkisten herum. Viele davon gefüllt mit farbigen Thurbo Kopfpolstern, die ausgetauscht werden. Das gehört zur schweren Instandhaltung oder auch Revision der Züge, die in Weinfelden über die Bühne geht. Das Fahrzeug wird bei diesen Vorgängen oft in seine Einzelteile zerlegt, um beispielsweise eine Klimaanlage, Türantriebe oder die Bestuhlung auszuwechseln. Während der Revisionsarbeiten macht ein Zug mehrere Wochen Pause, weshalb sie pro Zug nur etwa alle zwei Jahre durchgeführt werden.
Die leichte Instandhaltung, welche RICO primär in Oberwinterthur an den GTW vornimmt, ist hingegen mit dem Jahresservice eines Autos vergleichbar. Sie umfasst Vorgänge wie visuelle Kontrollen oder die Überprüfung des Bremsdrucks. Auch die Reinigung oder WC-Entleerungen werden in Oberwinterthur umgesetzt, wo ein Thurbo Zug etwa alle 20 Tage einen Boxenstopp einlegt. Am Flirt Evo wird die leichte Instandhaltung jedoch in der SA in Weinfelden ausgeführt, da die Gleise in Oberwinterthur dafür zu kurz sind.
Via Amerika und Algerien nach Weinfelden
Für den Znüni setzt sich René Rusch in einen GTW. «Der GTW und ich sind schon lange zusammen », sagt der 56-Jährige und lächelt. «Ich bin ihm um die ganze Welt gefolgt.» Der gebürtige Berliner ist 2010 beim Fahrzeughersteller Stadler gelandet und war als «Trouble Shooter» unter anderem in Texas oder Algerien unterwegs. Dabei hat er Fahrzeuge repariert und modernisiert. Seit einem Jahr ist der Weinfelder nun bei RICO tätig und geniesst die Nähe zu seinem Arbeitsplatz. «Mit dem Fahrrad bin ich in vier Minuten bei der Arbeit, sechs inklusive Blümchen riechen.»
Momentan ist noch kein Tag wie der andere. «Wir leben noch aus der Kiste, wie es nach einem Umzug üblich ist. Gleichzeitig stehen schon Fahrzeuge in der Halle», beschreibt René Rusch die ersten Tage. Die Stimmung im Team sei dennoch sehr gut, die Freude über den Neubau gross. «Wir sind ein junges Team und sowohl flexibel als auch anpassungsfähig.» Er freue sich unter anderem über den zusätzlichen Platz aufgrund der längeren Gleise.
Thurbo ersetzt gesamte Flotte
Längere Gleise? Das ist eine direkte Folge des Zugbeschaffungsprojekts Flirt Evo. Denn der vierteilige Flirt Evo ist rund 75 Meter lang, wofür die Gleise der alten Anlage nicht ausgereicht hätten. Thurbo ersetzt in den kommenden Jahren ihre gesamte Fahrzeugflotte, welche in der SA für den Einsatz im Regelbetrieb vorbereitet und ertüchtigt wird. Will heissen: Die volle Funktionalität der Züge wird mit Qualitätsprüfungen und Ertüchtigungsfahrten sichergestellt.
Dabei geht es nicht nur um sicherheitsrelevante Aspekte, sondern mit der Kontrolle funktionierender Klima- und WC-Anlagen auch um Kundenkomfort. Die Nähe zum Fahrzeughersteller Stadler ist dabei einer der wichtigsten Vorteile der neuen SA: In ihr werden nicht nur die Flirt Evo von Thurbo, sondern auch diejenigen der SBB und von RegionAlps (Walliser Eisenbahnverkehrsunternehmen) ertüchtigt. Ebenfalls leisten Mitarbeiter:innen von Stadler in einem Control Room den First Level Support.
Mit 120 Prozent dabei
Die SA Weinfelden ist sowohl in ihrem Tagesbetrieb als auch im Zusammenhang mit dem Projekt Flirt Evo ein Symbol für die gute Zusammenarbeit zwischen der Mutter SBB und Tochter Thurbo. Projektleiter Walter Bucheli von der SBB bestätigt dies: «Die Kollaboration mit Thurbo war beispielhaft. Die Verantwortlichen sind nah dran und kennen die lokalen Begebenheiten. Es hat richtig Spass gemacht.» Er sei froh, dass die rund 20-monatige Bauphase ohne grössere Zwischenfälle über die Bühne gegangen sei.
Zurück auf dem Dach des GTW, zieht René Rusch eine Schraube an. Er ist mit einem Karabiner an einem Drahtseil gesichert. «Der Respekt und die Sorgfalt schwingen bei unserer Arbeit immer mit», sagt er. Obwohl René Rusch und seine Kolleg:innen hinter den Kulissen arbeiten, sind sie für einen verlässlichen Bahnbetrieb unabdingbar. Oder in seinen Worten: «Zwar sind wir für die öV-Reisenden unsichtbar, doch wir geben 120 Prozent für sie.»
Das Projekt Flirt Evo
SBB, RegionAlps und Thurbo beschaffen gemeinsam 329 Regionalzüge vom Typ Flirt Evo. 107 davon gehen an Thurbo. Die Flirt Evo werden von Stadler in Bussnang hergestellt. Im Falle von Thurbo sind es also Züge aus der Ostschweiz, für die Ostschweiz. Die ersten neuen Züge kommen im Thurbo Land voraussichtlich 2026 in den kommerziellen Betrieb. In den Folgejahren wird die aktuelle GTW-Flotte schrittweise ersetzt. Voraussichtlich sind 2034 alle Flirt Evo im Thurbo Gebiet im Einsatz.








